Peter Beck: Mein Eintritt ins Braunschweig-Kolleg

Peter Beck: (Peter Beck war Kollegiat, später Oberstaatsanwalt in Hamburg in verschiedenen leitenden Funktionen)

Mein Eintritt ins Braunschweig-Kolleg
Die drei Lehrjahre im Maurerhandwerk sind mir wie folgt erinnerlich: Sie waren hart. Die Jahre
1945 -1947 waren gekennzeichnet durch Hunger und strenge Winter, die das Arbeiten auf den
Baustellen schwer machten. Viele der einheimischen Kollegen waren den „Vertriebenen“ gegenüber
sehr distanziert. „Der Krieg ist zu Ende, was wollen sie hier? Sollen sie dahin gehen, wo sie
herkommen“. So war deren Einstellung….

Ausgleich zu den nicht immer erinnerungswerten
Geschehnissen innerhalb der Lehrfirma brachte die mir entgegengebrachte Anerkennung durch
meine Berufsschullehrer Neusel und den Berufsschuldirektor Geisel.

Diese Jahre sind jedoch darüber hinaus auch mit schönen Erinnerungen verbunden. So gab es
schnell einen erstaunlichen kulturellen Aufbruch im Lande. Hochrangige bekannte Künstler – z.B.
Erna Berger, Will Domgraf-Faßbaender, Rudolf Schock u.a. – suchten insbesondere die kleinen
Städte auf (die Theater und Konzertsäle der großen Städte waren zerstört); sie waren sich nicht zu
schade, in Turnhallen und Tanzdielen aufzutreten. Ich verdanke dieser Zeit hervorragende Konzert und
Theatererlebnisse…

Als freigesprochener Maurergeselle kündigte ich bei meiner Lehrfirma und heuerte bei der Philipp
Holzmann AG in Hannover an. Drei Monate zuvor war die Währungsreform erfolgt, die einen
erstaunlichen Wandel mit sich brachte. Überall war der Wille spürbar, das Trümmerdasein zu
beenden. Ich habe an mehreren großen Projekten mitgearbeitet (z.B. Verlagshaus Schmorl &
Seefeldt am Aegidien-Platz), und ich freue mich noch heute, wenn ich in Hannover bin und
feststelle, daß diese Bauwerke noch stehen. Um zu ermessen, was in diesen Aufbaujahren geleistet
worden ist, muß man sich vor Augen führen, daß es kaum Baumaschinen – wie heute
selbstverständlich – gab, die die Arbeit erleichterten, keine Aufzugskräne (das Material wurde von
Hand zu Hand gereicht), keine Bagger, keine Betonmischer (Beton wurde von vielen Händen mit
schlichter Schaufel gemischt). Diese Aufzählung ließe sich fortsetzen…

Anfang September 1949, Mittagspause in der Aufenthaltshütte auf einer Baustelle in der Innenstadt
Hannovers. Ein Arbeitskollege entwickelt einem Zeitungsbogen sein Brot und wirft diesen zerknüllt
in die Ecke; ich nehme den Bogen auf, glätte ihn und fange an zu schmökern. Mein Blick fällt auf
die Ausschreibung des Niedersächsischen Kultusministerium: Einrichtung des B-K,
Aufnahmevoraussetzungen pp..

Mir war augenblicklich klar: Das ist es !! (Meine bisherigen Bemühungen um einen Studienplatz an
einer der 17 bundesrepublikanischen Staatsbauschulen – Abitur nicht erforderlich – waren wegen zu
großen Andrangs nicht von Erfolg gekrönt)
Doch, ach! Anmeldeschluß für die Bewerbung war der heutige Tag (ich glaube, es war der 9te).
Hier half nur sofortiges Handeln. Gegen den lautstarken Protest des Poliers, dem ich etwas von
Zahnschmerzen erzählt habe, verließ ich augenblicklich die Baustelle und eilte zum
Kultusministerium, das ganz in der Nähe der Baustelle seinen Sitz hatte. Ich erhielt die Erlaubnis,
meine Bewerbungsunterlagen bis zum Dienstbeginn des nächsten Tages einreichen zu dürfen. Ich
nahm den nächsten Zug nach Lehrte, meinem Wohnort; unterwegs plagte mich die Frage: wer
schreibt mir jetzt eine Referenz? Die Antwort: Ich sollte es zunächst bei meinem ehemaligen
Berufsschuldirektor versuchen. Das war aber ein Problem: Wie erreicht man den Mann? Er war
nämlich ein Hyperaktivist, mischte in Vorständen von mindesten 20 Vereinen und Gesellschaften,
Schützengilden usw. mit und war fast nie zu Hause. Ich erwischte ihn! Irgendein Wehwehchen hielt
ihn an diesem Tage zu Hause fest. Er reagierte auch sofort und fertigte ein Schreiben etwa des
Inhalts, daß das Land Niedersachsen den Fehler des Jahrhunderts beginge, sollte es mich zum
Kolleg nicht aufnehmen. Die Bewerbungsunterlagen waren zum nächsten Tag fristgerecht
eingereicht. Das Schicksal nahm den bekannten Verlauf…

Ich wurde eine Woche später zu einem Probelehrgang eingeladen; von mehr als 500 Bewerbern
wurden 50 in das Kolleg aufgenommen; einer von ihnen war ich. Es wurde die bisher schönste Zeit
meines bisherigen Lebens. Frei von materiellen Sorgen (Wohnung, Verpflegung waren frei, es gab
sogar ein kleines Taschengeld.) konnte man sich entfalten, sich mit Neuem, Wissenswertem
aufsaugen. Dazu kam die fabelhafte Kameradschaft der Teilnehmer untereinander; jeder von ihnen
hatte den Willen, die hier gebotenen Lernchancen zu nutzen. Es waren Menschen zwischen 20 und
28 Jahren, denen in den zurückliegenden Jahren harte Lebenserfahrungen aufgezwungen worden
waren und die glücklich und dankbar dafür waren, ihre verlorene Jugend zum Teil wiederzufinden.
Das gewährte Taschengeld machte überdies häufige Theaterbesuche möglich. Die bisher
unzugänglichen Schriftsteller durften wir kennenlernen. Aber auch die guten Angebote des
klassischen Opernrepertoires wurden nicht vernachlässigt…

Während der Kollegzeit kamen mir Zweifel, ob das im früheren Zeitpunkt ins Auge gefaßte
Studium der Bautechnik die richtige Lebensentscheidung sei. Mit zuviel Neuem kam ich in der
Kollegzeit in Berührung, so daß ich die Chance sah, mich neu zu orientieren. Die Entscheidung fiel,
als uns eines Abends im Kolleg der Braunschweiger Generalstaatsanwalt Dr. Bauer aufsuchte und
über das Berufsbild des Juristen und die vielseitigen Möglichkeiten dieses Berufs sprach. Dr. Bauer
hat mich tief beeindruckt und einen wichtigen Anstoß zu meiner anstehenden Berufswahl gegeben.
(Dr. Bauer war eine profilierte Persönlichkeit; er ging später nach Frankfurt und erwarb sich beim
Neuaufbau der bundesdeutschen Justiz einen herausragenden Ruf, insbesondere hinsichtlich seines
Engagements bei der Aufklärung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen.) Es wurde mir schnell
klar, daß ich meine berufliche Zukunft in Richtung Studium der Rechtswissenschaften zu suchen
hätte..

Ich habe oft versucht, diesen Ablauf in mein Leben sinnvoll einzuordnen. Alles Zufall? Daran
glaube ich nicht. Das Leben hat mich an vielen Beispielen gelehrt, daß es nichts „Zufälliges“ gibt.
Das BK war für mich als Chance vorgesehen. Davon bin ich überzeugt.

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